Stevens Soulwood M

 

 

Heute, was für ein Zufall, am Tag der 200. Wiesn Eröffnung, bekomme ich eine Gitarre auf den Tisch, die in München ge­braut, oh, Entschuldigung, gebaut wurde. Leider bin ich selbst gar kein Fan von überfüllten Bierzelten, Blasmusik, Massenauf­läufen und alkoholisierten Gaudiburschen. Was kann ich dage­gen froh sein, dass nicht alles, was aus der bayerischen Landeshauptstadt kommt, blauweiß gemustert, bierselig und mehr Schein als Sein ist.

Von Helmut Steffan

Zapfhahn

Seit 1993 treibt die Firma Stevens Custom Guitars in München ihr Unwesen. Vielmehr betreibt man dort des Weiteren eine Werk­statt, den ?Munich Repair Shop" und die ?Guitar Lounge", das dazugehörige Einzel­handelsgeschäft, in dem eigene Schöpfungen und auch einige Fremdfabrikate angeboten werden. Also alles in allem ein Rundum­Sorglos-Paket für den begeisterten Musiker. Die beiden Inhaber Werner Kozlik und Stefan Zirnbauer toben sich, zusammen mit einigen angestellten Gitarrenbauern, in allen Berei­chen der Saiten-affinen Welt aus. Sie fertigen Klassikgitarren, Bouzoukis, Mandolinen, E­Gitarren und Bässe, Ukulelen und natürlich Steelstrings, sind also im besten Sinne viel­saitig. Vor allem ihre Custom Instrumente haben den beiden Münchnern einen hervor­ragenden Ruf beschert.

 

Brathendl

Mit der Soulwood Serie eröffnet Stevens Cus­tom Guitars ein relativ neues Geschäftsfeld. Denn wo bislang doch relativ hohe Beträge in ein wertvolles, nach Kundenwunsch gefer­tigtes Einzelstück fließen mussten, kann man nun schon ein handgemachtes heimi­sches Instrument erstehen, dessen Preis­schild es in sehr erschwingliche Regionen rückt. In dieser Soulwood Serie werden drei verschiedene Korpusgrößen angeboten: S, M und L. Unsere Kandidatin ist ein M-Modell, dessen Korpusvolumen sich irgendwo zwi­schen einer OM und einer J-45 bewegt. Die eigene, runde Form ist sehr ansprechend und wunderbar handlich. Darüber hinaus wirkt diese Gitarre in keiner Hinsicht so, als ob hier an irgendetwas gespart worden wäre. Goldene Schaller Mechaniken mit Knöpfen aus Ebenholz, massive, wunderbar gemaserte Tonhölzer, ansprechende Inlays, makellose Verarbeitung und eine Decke aus charakte­ristisch gezeichneter amerikanischer Hasel­fichte, weisen das Instrument von vorne herein als hochklassig aus. Dazu kommt noch der im Lieferumfang enthaltene stabile Holzkoffer mit gewölbtem Deckel. Was also macht den Unterschied aus? Sicherlich die extrem dünne, seidenmatte Lackierung und das schlichte schwarze Binding, welches le­diglich um die Decke verläuft und nicht um den Boden - spart Arbeit und somit auch Geld, das war es dann aber auch schon. Wenn ich mir die M in einer hochglänzenden Vari­ante mit aufwendigeren Bindings vorstelle, würde ich sie, allein der Äußerlichkeiten wegen, sofort in die 3000 plus Klasse einord­nen.

 

Blaskapelle

In meinen Augen ist das Modell M eine echte Schönheit mit einem gewissen Understate­ment. Allein durch ihr Aussehen unterschei­det sie sich von der großen Masse der Stahlsaitengitarren. Das Griffbrett trägt ein etwas rötliches Binding aus Padouk, aus demselben Holz wurde ein Streifen um die Kopfplatte eingelegt und auch ein stilisiertes S-Inlay am zwölften Bund ist daraus gefer­tigt. Elegante Design Merkmale sind ebenso der S-förmige Durchbruch im Kopf und die dreieckigen Löcher in der schwarzen Umran­dung des Schalllochs. Diese Ästhetik ist frisch, geschmackvoll, unaufdringlich und somit rundum gelungen. An der gesamten Gitarre ist nicht das kleinste bisschen Kunst­stoff zu finden: Bridgepins, Gurtknopf sind aus Ebenholz, Sattel und Stegeinlage aus un­gekochtem Knochenmaterial, ein weiterer Pluspunkt. Aber jetzt wirst du übers Knie ge­legt, meine Schöne! Hier kommt der einzige Kritikpunkt zum Tragen,  dafür kann aber der Herstellerabsolut nichts, denn die Saiten haben ihre besten Tage schon lange hinter sich, da hat wohl jemand bereits mächtig Spaß am Spie­len auf der Soulwood gehabt?
Egal, auch mit alten Drähten zeigt sich, dass in der schönen Hülle ein ebenso schöner Ton  entsteht. Die Gitarre besitzt eine erstaunliche Projektions­kraft, spricht fein an und ver­mag es, sich zu sehr kräftigen Tönen aufzuschwingen. Ihr Klang ist nichts für Verehrer von kühlen Hifi Sounds, son­dern eher für Liebhaber war­mer, holziger und natürlicher Farben. Höhen, Mitten und Bässe stehen in einem zuei­nander sehr ausgewogenen Verhältnis. Es ist unglaublich erfreulich, dass auch beim Er­klimmen der höchsten Lagen das Volumen und die Präsen­zen in keiner Weise verloren gehen, darin zeigt sich ein hochwertiges In­strument. Die Ansprache beim zarten Finger­picking und auch extra hartem Plektrum Einsatz ist grandios, die M ist somit für viele Einsatzbereiche empfehlenswert.

 

Biertisch

Die Konstruktion des gesamten Instruments wirkt sehr stabil und grundsolide, dabei bleibt die Soulwood ein Leichtgewicht und gerät fühlbar schnell in Schwingung. Im Hause Stevens Custom Guitars verwendet man für die Verbindung von Hals und Korpus norma­lerweise eine Kombination aus Schrauben und traditionellem Schwalbenschwanz, was für den Transfer der Schwingungen wie auch für die Servicefreundlichkeit deutliche Vor­teile birgt. Die dünne, matte Lackierung trägt zu einer guten Tonübertragung bei und fühlt sich sehr gut an, denn die gesamte Oberfläche besitzt so einen natürlichen, warmen Touch.

 

Festumzug

Wie sie es bei Stevens Custom Guitars ma­chen, weiß ich nicht, aber dass sie es so tun, ist in jedem Falle großartig. Ein derartig cha­rakteristisches Instrument, in einer derart niedrigen Preisklasse ist mir bis dato noch nicht untergekommen. Sicherlich, gerade hier tummeln sich viele Mitbewerber, be­trachtet man aber die klanglichen und bau­technischen Vorteile der Soulwood M und bezieht dazu noch mit ein, aus welchem klei­nen, feinen Stall sie kommt, muss man zu dem Schluss kommen: Dieses Gesamtpaket ist kaum zu schlagen!